Villa-Lobos (3)

15. Juli 2009

Kürzlich spielte das Radio-Sinfonieorchester Stuttgart alle Sinfonien von Villa-Lobos ein. Das Vokalwerk und die Kammermusiken werden zunehmend aufgeführt. Für Gitarristen gehört Villa-Lobos schon lange zum Standart, vor allem die Andrès Segovia gewidmeten, sehr originellen zwölf Etüden von 1929, die fünf Präludien von 1940, auch Choros No. 1 von 1920 und die frühe Suite Populaire, zwischen 1908 und 1912 entstanden. Eindrucksvoll ist, dass Villa-Lobos so besondere Kompositionen für Piano geschrieben hat, obwohl seine Instrumente zunächst Cello und Gitarre waren. International zum Repertoire gehören das so sehr zur brasilianischen Moderne passende, in den 20er Jahren in Paris komponierte Rudepoema, die indigene Ballade Amazonas, die Serie Prôle do bébé und Choros No. 5 oder Alma brasileira. In seiner Zeit als Musikpädagoge, nach 1930, entstand Guia prático. Dem breiten Publikum galt Villa-Lobos jedoch zunächst als der Komponist der Choros und der

Bachianas Brasileiras.

Sich auf Bach zu besinnen läge inmitten der europäischen Avantgarde durchaus im Trend. Webern machte Bach-Arrangements, Schönberg bezeichnete Bach als den ersten Zwölftonmusiker, die Teufelshymne in Stravinskys L’Histoire du soldat wirkt wie eine Parodie auf einen Bach-Choral und Milhaud sieht im neobarocken Stil eine Möglichkeit, dem Wagnerismus etwas entgegenzusetzen. Beim Festival für Moderne Musik in Venedig, August 1925, wird, neben Villa-Lobos‚ Historietas die an Bach erinnerde Kammermusik No. 4 von Hindemith aufgeführt. Wobei Hindemith betont, dass der moderne Komponist nicht die polyphone Musik eines Bach neu schaffen könne, sondern sich auf den tonalen Kontext der Zeit beziehen müsse. Von all diesen neobarocken Ansätzen der europäischen Moderne unterscheidet sich Villa-Lobos‘ Bach-Interesse jedoch wesentlich. Er sieht in Bachs Musik das Universelle, er kann dort die Quelle aller Musikschöpfung ahnen. Lévi-Strauss bestätigt ihn, indem er in der Musik der brasilianischen Indios das Formprinzip der Fuge seit tausenden von Jahren verwirklicht sieht. In Verwandtschaft steht Villa-Lobos durchaus zu Shostakovich und seinen 24 Präludien und Fugen für Piano und auch zu Carlos Chavez, der sich in seinen 10 Präludien für Piano auf Formprinzipien der Mayas und Azteken bezieht.

Villa-Lobos schrieb die neun Bachianas zwischen 1930 und 1945, No. 2, 3, 4, 7 und 8 für ein größeres Aufgebot an Blasinstrumenten und brasilianischer Perkussion sowie Piano. No. 1  für acht Celli, wobei einzelne von ihnen auch perkussive Aufgaben übernehmen. No. 6 ist mit Flöte und Fagott besetzt, No. 9 mit Streichorchester und gemischtem Chor. Alle Stücke tragen barocke und brasilianische Titel. Aria oder Cantilena aus Bachianas No. 5  (für Sopranstimme und Cello) wurde mit seinem schnell ins Ohr gehenden Thema Teil der Weltmusik. Eine gelungene Version findet sich auch auf  Wayn Shorters CD Alegría von 2003.

So weit mal zu Villa-Lobos. Ein großer Teil der Informationen stammt aus der Arbeit des finnischen Musikwissenschaftlers Eero Tarasti (Heitor Villa-Lobos, The Life and Works, 1987-1959, North Carolina 1995). Dort findet sich auch eine ausführliche Bibliographie. Wobei die Studien von Lisa M. Peppercorn immer wieder erwähnt werden. Auf einen der neusten Beiträge über Villa-Lobos wird in der Zeitschrift Tópicos hingewiesen: Manuel Negwer, Heitor Villa-Lobos: Der Aufbruch der brasilianischen Musik, Mainz 2008.

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