Tropicália, Rita Lee

14. Mai 2009

Die argentinische Journalistin Violeta Weinschelbaum trifft die brasilianische Musikerin Rita Lee im September 2002 in Punta del Este, östlich von Montevideo in Uruguay, Ort der schönen Sonnenuntergänge, beliebt bei argentinischen und brasilianischen Touristen. Das Gespräch mit Gilberto Gil, zwei Jahre später, endet mit leicht verschlüsselten Angaben zum Tropicalismo. Der Anfang des Interviews mit Rita liest sich wie eine Ausführung dazu. Violeta: Du bist eine Frau, die eine Ästhetik aus der Vielseitigkeit konstruiert hat. (…) Du warst Tropicalista, Rockerin, hast Bossa Nova gemacht, hast Balladen und Discomusik komponiert.

Rita: Das hat viel mit dem Tropicalismus zu tun. Ich bin die Tochter von Imigranten, mit amerikanischem Vater und italienischer Mutter, und ich entdeckte meine Brasilianität im Tropicalismo, mit Caetano, Gil, Tom Zé. Sie haben mir ein Brasilien ohne Grenzen, ohne Vorurteile vorgeführt. Also übernahm ich diese variable Seite, und manchmal gefällt es mir, mich in andere Flüsse zu stürzen. Es ist wie ein Spiel, nichts Ernstes, aber diese verschiedenen Flüsse regen mich an, ins Meer der Musik einzumünden. Ich habe keine Hemmungen, irgendwas zu singen, ob es Hard Rock, Heavy Metal ist, egal. Mir gefällt alles, es gefällt mir, zu probieren. (…) Es hat mehr damit zu tun, lebendig zu sein. (p.38)

Hauptstädte der Musica Popular sind Salvador und Rio, Rita kommt aus São Paulo. Der Wind der Bewegungen aus Europa und Nordamerika weht dort vielleicht stärker. Mit den Mutanten (Os Mutantes) initiiert sie 1966 eine Gruppe, die dem Genre Psychedelic Rock zugeordnet werden kann. Anders, frei, provokativ. Und findet gleichzeitig die offenen Arme von Caetano, Gil und Gal Costa. Mit ihrem Mann Roberto de Carvalho komponiert sie nun rund 30 Jahre. Sie hat drei Kinder und schreibt Kinderbücher. Verbindet Bossa mit Rock, tritt mit den Rolling Stones auf und brasilianisiert Beatles-Songs.

Am Schluss des Gesprächs kommt sie mit Violeta auf das Thema Patriotismus in Argentinien, z.B. beim Fußball, und sieht eine andere Note in Brasilien, in Bahia mehr als in São Paulo. Caetano zum Beispiel sagt, dass er nicht Nationalist ist, aber es ist klar, dass er Brasilien verteidigt. Es ist toll, die eigene Kultur zu unterstützen, aber ohne Grenzen. Und das ist bei Caetano stärker, weil er aus Bahia ist. Ich sterbe vor Neid …, das ging so weit, dass ich jemanden wollte, der São Paulo veteidigt. Die Leute aus Bahia halten sehr zusammen, einer singt die Lieder des anderen. Sie sind das Volk in Brasilien, das am meisten verbunden ist. (p.44; Seitenangaben aus V. Weinschelbaum, Estação Brasil, S.P. 2006, eigene Übersetzung)

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