Tropicália, Gilberto Gil

10. Mai 2009

Über den brasilianischen Musiker der allerersten Reihe Gil, denjenigen, der die Ausnahme der Regel sucht, den Kulturminister, den Bewahrer und Revolutionär, lässt sich in den Verzeichnissen viel finden. Über seine Sicht des Tropicalismo hier ein paar Sätze aus dem Gespräch mit Violeta Weinschelbaum. Sie traf ihn im Oktober 2004 in Rio, er trug die netten Dreadlocks und seinen makellosen grauen Ministeranzug.

In Bahia mit einem breiten Spektum brasilianischer Musik aufgewachsen, erkennt er in João Gilbertos Gesang etwas Neues. Mit den Beatles und der zweiten Welle des Rock, nach Chuck Berry, Little Richard, Pat Boone, und dem Wunsch der Studentenbewegung, sich von der Tradition zu lösen, entsteht die Idee des Tropicalismo. Wobei er nicht, wie Caetano oder Gal, ein Programm im Kopf hat. Die Bewegung der Menschen interessiert ihn, aber eigentlich nicht im politischen Sinne. Obwohl Tropicalismo politisch ist. Ich hatte im Zusammenhang mit der Musik kein Interesse an Politik, ich wollte die reine Musik. Das war ein seltsamer Widerspruch. (p.128)

Wie bei den Modernisten ist ihm das Neubetrachten der Überlieferung und das Beachten des Andersseins Programm. Pop Art, Serielle Musik, Stockhausen und experimentelle Musik wecken Neugier. Er baut traditionelle Musik des Nordostens, mit einfachen Flöten und Trommeln, in sein Programm ein, eine Grenzüberschreitung. A Banda de Pífanos de Caruaru wird so im Südosten bekannt. Er assoziiert im Gespräch lachend dazu Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band von den Beatles. Der Synkretismus, die Vermischung, ist ein Schlüsselwort zum Verständnis Amerikas, Brasiliens und des Tropicalismo. Und die Bewegung der Modernisten hat in den 20er Jahren dazu ein wichtiges Fundament geliefert.

Die Abgrenzung zum Bossa Nova ist interessant: Der Tropicalismo formierte sich, und es blieb ihm keine andere Möglichkeit, indem er eine Musikform, den Bossa Nova, demontierte, wohl geformt und perfekt in der Erscheinung, poetische und sogar ideologische Kompositionen. Der Bossa Nova hatte eine knappe und komplette musikalische Ausdrucksform geschaffen, in Fragen der Harmonie, der Melodie, der Musik, des gesungenen Wortes. (…) Der Tropicalismo brachte eine dekonstruktivistische Anarchie (…), die der Bossa Nova nicht hatte. Und das Zweite ist die Konsequenz daraus, ist, dass der Tropicalismo keine Musikgattung ist. Man kann nicht im Radio eine Musik hören und sie als Tropicália identifizieren; mit dem Bossa Nova ist das möglich. Der Tropicalismo ist eine fast chaotische Interaktion, ich weiss nicht, ob es hilft, von einer Interaktivität im Chaos zu reden, aber … (Lachen) Violeta: Aber immerhin mit einer eigenen Ordnung. Gil: Genau, mit einer implizierten Ordnung, einer Ordnung auf der Ebene der reinen Immanenz. In diesem Sinne gibt es keine Gattung. Es ist eine Überfluss an Gattungen und keine spezifische Gattung. (p.130/131)

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