Sie haben Talent, die Musiker von Bahia

16. August 2009

São Salvador da Bahia de Todos os Santos, so der ganze Name der ehemaligen Hauptstadt an der Bucht aller Heiligen, legt auch in der Nebensaison, fern vom Karneval, seine Musikalität nicht ab. Vor dem offenen Hotelfenster das Meer mit den vor Anker liegenden Ozeanriesen. Reggaemusik, an einem anderen Ort in dieser Lautstärke vielleicht störend, wiegt uns sanft in den Schlaf. Wir hatten einige Stunden bei Bier und Fruchtsaft vor der Bar J&B gesessen. Das Kopfsteinpflaster so extrem, dass ein vorbeireitender Mountainbiker den Applaus des Publikums kriegt. Die Musiker brauchen den Applaus nicht, sie gehören dazu. Der Drummer hat einen alten roten Teppich auf das Pflaster gelegt, um sein Set draufzustellen, und er begleitet souverän alle, die an diesem Abend kommen würden. Einige sind angemeldet, einige nicht. Gitarre und Gesang. Bossa Nova, Funk, Reggae, Musica Popular, Rock. Alle sehr sehr gut, könnten Konzertsäle füllen, spielen aber, und mit viel Hingabe, vor 10 bis 20 Leuten. Der, der das Bier bringt, holt sich ein einfaches Touristen-Pandeiro aus dem nächsten Laden und legt eine weitere Basis aus Sechzehnteln und Zweiunddreißigsteln dazu, mit präzise gesetzten Akzenten. Als er gerufen wird, gibt er das Pandeiro dem Nächsten weiter und der zeigt sich fast genauso talentiert.

Institution sind die Gruppen Ilé Ayé, Filhos de Ghandi, Timbalada und natürlich Olodum, überall gegenwärtig. Bei den Proben der Escola Olodum dabei zu sein ist ein Genuss. Der Nachwuchs kann schon viel, Trommler wie Tänzer. Die Freude ist auf beiden Seiten, die Kinder und Jugendlichen tanzen und spielen gern, die Kenner und zufällig dazu gekommenen Zuschauer legen viel Anerkennung in die Blicke und Gesten. Nach der Probe, auf der Straße, sieht man selbstbewusste und stolze Menschen ihren Weg gehen. Die Initiatoren von Olodum haben Großartiges geleistet mit der Einrichtung dieser Musikschule. Kindern und Jugendlichen, von denen einige sonst obdachlos wären, wird die Würde gegeben, die ihnen zusteht. Denn ihre Kultur ist groß!

In den CD-Laden am Praça da Sé gehe ich nur so nebenbei, sage dem älteren Inhaber gleich, dass ich nichts kaufen möchte. Der ist aber so ein bestechender Kenner der vergangenen und aktuellen brasilianischen Musikszene, dass ich nicht anders kann und schließlich doch mein Geld zücke. Aufgereihte Vinylplatten, brasilianische Musikgeschichte, bekräftigen die vorhandene Sachkenntnis. Über die vielen Talente unter den Sängerinnen der letzten Jahre muss man noch sprechen, hier wurde ich auf Marisa Rita und auf Roberta Sá aufmerksam.

Etwas abseits des geschäftigen Centro Historico entspannen wir uns beim Cafezinho auf dem Bootssteg des Museu de Arte Moderna. In einem der ältesten Gebäude Bahias, dem Solar do Unhão, zeigt eine Ausstellung neueste Plastische Kunst Brasiliens. Die Musik zum Kaffee kommt von Lenine, über eine Stunde lang. Dass Lenine dazugehört, bekräftigt am Abend der Sänger vor dem J&B, als er gekonnt A vida não para ausbreitet.

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