Romantik und Moderne

23. April 2009

Der brasilianische Kunsthistoriker und Kulturmanger Carlos Zilio hatte in den 70ern an der Pariser Sorbonne eine Dissertation über Brasiliens Moderne vorgelegt, mit Blick auf die Maler Tarsila do Amaral, Emiliano di Cavalcanti und Candido Portuari. 1982 und 1997 erschien die Arbeit in Brasilien unter dem Titel A querela do Brasil. Das Wortspiel ist klar: aus dem Titel des bekannten Liedes und Standards Aquarela do Brasil wird das Aquarell rausgenommen und die Querele, der Streit eingesetzt. Zilio findet, dass nach vielversprechenden Anfängen, mit der Semana von 1922 und aufregenden Jahren, zwischen São Paulo, Paris, Rio und dem Tupi or not Tupi, die wirklich identitätsstiftende Moderne erst noch auf dem Weg sei. (Tarsilas O Mamoeiro aus der Phase Pau Brasil kopiert bei historiadaarte.com.br)

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Die Chorproben von Encanto gingen gesten nach einer Pause weiter, unsere liebe Chefin Cristina war mit ihrer Familienband auf Gastpielreise in Brasilien gewesen. Sie hatten auf dem Programm Musica Popular, auch Villa-Lobos, aber auch In einem kühlen Grunde. Nun fiel mir die Aussage des Mexikaners Octavio Paz ein, die lateinamerikanische Moderne sei zugleich eine Romantik. Ich behaupte, die Moderne Brasiliens hat einfach ein grosses Herz, der Bruch war nicht so stark wie bei uns. (Der notwendige Bruch nach dem Bruch spricht sich in Adornos bekanntem Satz aus Minima Moralia, 1950, aus: Aufgabe der Kunst heute ist es, Chaos in die Ordnung zu bringen.) Und die sowohl Portugal wie auch Brasilien so eigene Saudade, die so romantische Züge trägt, ist mit Sehnsucht allein nicht übersetzt. Sie erinnert an die chronische Einsamkeit der Mexikaner, von der Octavio Paz in El laberinto de la soledad, 1950, sagt, dahinter stehe die allen Menschen eigene Sehnsucht nach Vereinigung, nach Kommunion.

Soweit einige ungeordnete Gedanken und vielleicht eine Anregung zur Diskussion.

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