Pau brasil, Kannibalen und Tropicalismo

16. April 2009

Vor 500 Jahren gab das rote Tropenholz pau brasil (glühendes Holz) dem Land Brasilien den Namen. In der beginnenden Moderne trafen Schriftsteller, Maler und Musiker in der Bewegung Pau Brasil zusammen, um zwar vom Anderen zu lernen, so vom deutschen Expressionismus und der französischen Avantgarde, auch vom Exotischen im eigenen Land, doch aber, um ganz eigene brasilianische Moderne zu sein. In der Kunjunktion verschiedener Künste zeichneten sich zu dieser Zeit kühnste Möglichkeiten ab: Tanztheater mit Nijinsky, Eric Satie und Picasso (Tanz, Musik, Bühnenbild) in Paris, etwas später in New York auch Banlanchine mit Stravinsky und Robert Rauschenberg. Die Semana de Arte Moderna von 1922, bei der befreundete Künstler eine Woche lang in der Oper von São Paulo Malerei, Musik und Literaturlesung zusammenbrachten, gilt als Geburtsstunde der brasilianischen Moderne.

Tarsila do Amaral (Malerin), Di Cavalcanti (Maler), Oswald de Andrade (Schriftsteller), auch Heitor Villa-Lobos (Musiker), zentral in dieser Bewegung, begegnen sich in der Zeit drauf in Paris, die Kunst hat dort Hochkunjunktur, halten sich einige Jahre dort auf, und kehren doch alle nach São Paulo zurück, vereinigen sich wieder mit Mario de Andrade (Musiker und Schriftsteller mit dem für Brasilien wichtigen und höchst originellen Roman Macunaíma), der dageblieben ist und, wie er sagt, die Nase in den Urwald gesteckt hat. Oswald de Andrade formuliert 1928 das Manifest Antropofagia. So, wie der Kannibale den Bischoff nicht aus Fleischeslust verzehrt, sondern sich vor allem seiner geistigen Kräfte bemächtigen möchte, so lässt sich der Künstler nicht von Europa beeindrucken, sondern importiert die Sprache und schafft eine eigene Kunst. Die Nähe zum Surrealismus ist klar.

Das Konzept der unabhängigen Kunst wird nach 1960 in der Musikerbewegung des Tropicalismo aufgegriffen, jedoch vor dem Hintergrund geänderter politischer Bedingungen. Eine Militädiktatur begrenzte die Möglichkeit der öffentlichen Äusserung und Rock, Jazz und Bossa Nova mit Poesie auf hohem Niveau zu vereinigen, wurde zur Gratwanderung. Sanktionen waren zu befürchten und mache Künstler mussten emigrieren. Dennoch und vielleicht auch deshalb war es eine reichhaltige Zeit mit herzlicher Nähe zum Publikum und großem Nachklang bis heute. Gilberto Gil, Gal Costa und Caetano Veloso sind nur einige der Namen, über die noch weiter zu reden ist. Interessant auch die Neuauflage der 90er mit Einflüssen des Electro, z.B. von Chico César.

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