Die vom Land: Música Caipira

4. Januar 2012

Der Begriff Caipira spricht aus der Sicht der Indios über die Einwanderer aus Portugal, die zurückgezogen leben und Heu ernten. Entstanden ist der Begriff in der Region São Paulo, hat aber nach und nach für ganz Brasilien Gültigkeit bekommen (mit der Variante Música sertanejo im Nordosten). Es ist das Bild des hartgesotten Mannes zu Pferde, der die portugiesische Tradition hochhält, einen festen Glauben hat, die Naturkenntnis der Indios zu übernehmen weiss und Alltag und Geschichte in einfühlsamer Poesie in den Liedern zum klingen bringt und erhält. Der Gesang war, und ist bis heute, vorwiegend begleitet auf der Viola, einer Art Gitarre in schlanker Bauweise, mit zehn Saiten, paarweise gleich oder in Oktaven gestimmt. Die Viola ist Zeugnis einer bewahrten Tradition: als Entwicklung aus der arabischen Laute wird sie in der Form bis heute im Norden Portugals gespielt.

Aufführungsorte waren die Feste auf den Farmen und in den Dörfern. Mit der Stadtwanderung und den Medien des 20. Jahrhunderts wurde Música Caipira zum überregionalen Markenzeichen. Auf der brasilianischen Seite Viola Tropeira wird zum einen beklagt, dass in oberflächlichen Shows die Annäherung an die nordamerikanische Countrymusik gesucht wird, mit selbsternannten Cowboys, die nicht das Wetter vorhersehen können, nicht den Kräutertee gegen jede Krankheit kennen, ja vielleicht noch nicht einmal wissen, in welcher Mondphase wir uns grad befinden. Aber es ist auch die Rede von Verdiensten zahlreicher Komponisten und Interpreten, die die Liebe zur Música Caipira in den Städten verbreiteten, die auch auf ihren Konzertreisen Regionalkulturen zusammenführten. Einige Beispiele:

Teddy Vieira

aus Itapetininga, mit Schulbesuch in São Paulo, wurde in den 50er Jahren bekannt durch seine herzzereißenden Lieder, so das  O Menino da Porteira, hier der Trailer aus der Verfilmung von 2009, aber auch eine Version aus den 50ern von Tonico e Tinico, einem dieser Brüderpaare, die so schön in Terzen interpretieren.

Renato Teixeira

Echter Städter, in Santos geboren, kam mit seinen Eltern über Ubatuba, das Hinterland, Taubaté und São Paulo an verschiedenste Orte. Interessante Großväter, Musiker bei der Feuerwehr und Literaturprofessor, wollte er sich der Architektur widmen, es kam aber anders. Die enorme musikalische Bewegung im Brasilien der 60er Jahre beeindruckte ihn. Der Bossa Nova hatte begonnen, die Música Popular entstand, der Tropicalismo war in Vorbereitung. Ein Konzert des noch unbekannten Milton Nascimento. Dann mit etwas Glück 1967 die erste Aufnahme mit der ebenfalls erst in Rampenlicht rückenden Gal Costa. Er stieg in Caipira-Bands ein, war infiziert und wollte diese Musik in eine zeitgenössische Form bringen.  Ein großer Erfolg wurde sein Romaria, nachdem sich Elis Regina dem Lied angenommen hatte (1977).  Subtil der Text: Landleben ohne Romantik, der Reiter hat nicht gelernt zu beten, kann aber zur Gemeinschaft seine Sicht der Welt beitragen, Maria erleuchtet ihm den Weg. Hier mit Amanheceu, Peguei a Viola (Es wurde Tag, ich griff zur Gitarre!) ein Ausschnitt aus einem neueren Konzert des sympathischen Sängers.

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Bruna Viola

aus einer Musikerfamilie steht früh auf der Bühne. Hier mit 15 (2010) Pagode em Brasília aus einem Konzert mit Stücken der Caipira-Urgesteine Tião Carreiro und Pardinho. Sie führt vor, wie stimmungsvoll es sich mit der Viola caipira leben lässt. Durch die offene Stimmung (auch beim Spielen der leeren Saiten erklingt eine eingängige Harmonie) kann sie sich besonders dem Rhythmus und den Verzierungen widmen (der Gesang kommt in der zweiten Hälfte). Begleitet wird sie auf dem Cajón und der herkömmlichen Gitarre. Es ist doch wichtig zu zeigen, dass das Leben auf dem Land jung, schön und erfolgreich sein kann.

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