Die Magie des Jão Gilberto

27. Mai 2009

Irgendwo hörte ich, dass für den Erfolg eines brasilianischen Sängers nicht die gewaltige Stimme entscheidend sei, sondern etwas anderes, soll man es Zauber nennen, in seinem Gesang. Wie erklärt sich für uns sonst der Einschlag des Jão Gilberto.

Gal Costa

erinnert sich an ihren ersten gemeinsamen Auftritt mit Caetano Veloso und seine Frage, wen sie für den größten Sänger Brasiliens halte. Auf ihre Antwort João Gilberto! stimmte er zu: Das finde ich auch! Gal (im Gespräch mit Violeta Weinschelbaum, Rio im Oktober 2004): João teilte die Fluten, was er tat, was er macht, diese Gitarre, diese Stimme sind einzigartig. Es war ein starker Einfluss für meinen Gesangstil und für meine Sichtweise auf die Musik. Sie hörte Jimi Hendrix, Janis Joplin, spürte die Notwendigkeit, etwas ganz Neues zu machen, anders als alles, was vorher war. Gleichzeitig ließ sie nur João Gilberto gelten. Dank des Tropicalismo lernte sie neue Dinge kennen, die ihre Gedanken öffneten, die halfen, ihre musikalische Sichtweise zu weiten. Und doch glaubt sie nicht, dass der Tropicalimo die brasilianische Musik wirklich verändert habe. Er habe zwar mit Vorurteilen gebrochen, eine neue Sprache in die brasilianische Musik eingeführt, mit elektrisch modifiziertem Klang, habe große Komponisten des Nordostens wie Luiz Gonzaga und Jackson do Pandeiro aufgenommen. Und das sei auch gut so gewesen, dennoch: Die große Revolution in der brasilianischen Musik machte João Gilberto. Er veränderte alles. (…) Klar gibt es neue Einflüsse, aber keinen wie João, nie. Nichts und niemand wird wie João für mich sein. Niemand hat oder wird diese Intensität und Kapazität zum Verändern haben. (p.174-176)

Maria Betânia

ist die Unabhängige, die sich mit allen Stilen verbindet, die eine souveräne, höchst präsente Bühnendarstellerin ist und doch vor allem sich selbst treu bleibt: Der Bossa Nova ist die Wasserscheide. Der Tropicalismo kam danach, auf andere Art und Weise. Ich habe vom Bossa Nova alles aufgenommen, was ich konnte, mit höchster Liebe und Respekt und großer Bewunderung. Auch für den Tropicalismo. Aber wer bin ich? Ich bin nichts, bin frei. Ich bin, was ich zu der Stunde möchte. Es gefällt mir, die Bewegungen vorbeiziehen zu sehen: den Tropicalismo, den Bossa Nova, das Yeah, Yeah, Yeah, die Avantgarde, Roberto Carlos, den Samba-Rock, den Samba-Reggae, mir gefällt, das alles zu sehen und hin und wieder manche dieser Sachen zu singen.

Der Bossa Nova war ihr schnell vertraut, aber doch nicht ihr Ideal. Sie wollte auch Bossa Nova singen, aber darin ihre eigene Linie finden, mit Musikern arbeiten, zwischen denen sie ihre Stimme in bester Weise einbringen konnte. Von der feinen Art des João Gilberto ist sie immer noch beeindruckt: Ich glaube, dass João Gilberto in genialer Weise diese subtile, fast kalte Seite des Bossa Nova verwirklicht, ohne Gefühl in der Interpretation, und ich glaube, dass das ein Trick von ihm ist. Er ist das reine Gefühl, erregend, man ist betört von diesem Mann, aber zur gleichen Zeit ist es, als ob er es negiert, als ob er sagt „Ich bin nicht gefühlvoll“ oder „Ich bin gefühlvoll und kann es nur so äußern“. Ich bin verrückt nach João und für mich ist er es, der bossanovaweise singen kann, der Rest sind mittelmäßige Nachahmer. (p. 192, Gespräch mit Violeta in Rio im April 2005)

Chico Buarque

ist wiederum seinen ganz eigenen Weg gegangen. Die zweite Hälfte der 60er Jahre war die Zeit, als er seine ersten Platten aufnahm, als er Tom Jobim kennen gelernt hatte, als er am dichtesten am Bossa Nova dran war. Er beschreibt, dass der Bossa Nova seinen Glanz grad mehr im Ausland erlebte, dass in der Zusammenarbeit von Vinicius de Moraes und Baden Powell mehr Afro-Samba-Einflüsse in den Bossa Nova kamen, dass man sich wieder mehr auf traditionellen Samba der 30er und 40er Jahre besann, Namen wie Noel Rosa, Cartola, Nelson Cavaquinho wieder stärker auftauchten. Ich war grad in dieser Bewegung, als ich Tom begegnete. Zu der Zeit ging alles sehr schnell, wir waren alle sehr jung. (…) In diesem Moment, als ich meine Zusammenarbeit mit Tom begann, tauchte der Tropicalismo auf, an einem anderen Ort: in São Paulo. Ich war in Rio de Janeiro, in einer anderen Stimmung. Wir waren unterschiedlich gestimmt. (p. 228, Gespräch mit Violeta in Rio im September 2005)

Auch bei Chico Buarque hat, wie offensichtlich bei vielen seiner Generation, das erste Hören von Chega de Saudade im Jahr 1958 eine deutliche Markierung gesetzt. Ich habe die visuelle Erinnerung daran, das zum ersten mal gehört zu haben und total erschlagen gewesen zu sein. Ich erinnere mich, meinen Vater gebeten zu haben, dass er die Platte kauft, und dann, einen ganzen Nachmittag damit verbracht zu haben, sie zu hören, ich weiss nicht, wie oft hintereinander. Nur dieses Stück. …Ich habe erst angefangen, Gitarre zu spielen, als ich diese Aufnahme von João Gilberto hörte. …Das war es, ohne Zweifel, was mein Leben als Komponist bestimmte. Wenn diese Platte nicht gewesen wäre, in diesem Moment, wäre ich bestimmt nicht Komponist geworden, sondern etwas anderes. Ich dachte dran, zu schreiben, vielleicht wäre ich Journalist oder Architekt geworden. (p. 227)

Gespräche mit Musikern (Schluss)

So weit mal die Auszüge aus Violeta Weinschelbaum: Estação Brasil. Conversas com Músicos Brasileiros, São Paulo 2006. In der Interviewsammlung der argentinischen Journalistin gibt es noch mehr zu entdecken. Z.B. das Gespräch mit Adriana Calcanhotto, der Musikerin aus Porto Alegre, die die Einflüsse aus Bahia aufgenommen hat und in Rio lebt, reine Stimme, reine Gitarre, zeitgenössisch ohne überflüssige Verzierungen. Oder mit dem Exzentriker Ney Matogrosso, Shows mit freiem Oberkörper, aufwändiger Schminke und Federn. Rita Lee: „Unser David Bowie“. Erfolgreich u.a. Anfang der 70er mit der Gruppe „Secos e Molhados“ (Die Trockenen und die Feuchten). Oder das Gespräch mit Milton Nascimento, weltweit bekannt, auch durch die Zusammenarbeit mit den nordamerikanischen Größen des Jazz.

Gut, ich werde das Buch dem Ibero-Amerikanischen Institut in Berlin zurückgeben, übrigens die größte Sammlung lateinamerikanischer Literatur in Europa. Will man Bücher aus Brasilien beziehen, kann man in Frankfurt bei TFM fragen.

(Alle Zitate, selbst übersetzt, aus: Violeta Weinschelbaum, Estação Brasil: Conversas com músicos brasileiros, Rio de Janeiro 2006)

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