Carlinhos Brown

2. Mai 2009

Carlinhos zu den Tropicalisten zu rechnen oder nicht ist mehr eine philosophische Frage. Er steht auf gutem Fuss mit ihnen und geht doch seine eigene Richtung. In Salvador die Tradition und Kraft einer dreitausend Jahre alten afrikanischen Religion und Kunst zu haben ist für ihn ein Fundament. Er hat von den Vorläufern der Musica Popular gelernt, von Luis Gonzaga und Jackson do Pandeiro, schätzt die Verzerrungen in der Musik von Jimi Hendrix und in der Malerei von Jean-Michael Basquiat. Violeta führt ihr Gespräch (Oktober 2004) mit Carlinhos dort, wo er geboren ist, und sich sein neues Zentrum geschaffen hat, in Candeal Pequeno de Brotas, ein Viertel von Salvador, das als Symbol für den Widerstand gegen die Sklaverei gilt. Sein Aufnahmestudio ist bei führenden brasilianischen Musikern beliebt wegen der Technik und der menschlichen Nähe. Seine hier beheimatete Gruppe Timbalada wurde Legende. Die Musikschule Pracatum hat hohes Niveau und ist gleichzeitig soziales Projekt. Jeder begrüsst ihn im Viertel freundschaftlich, und er lässt sich viel Zeit, als ein Kind ihm seine neueste Komposition vorspielt.

Es ist ihm gelungen, einen selbstbewussten, in Bahia verankerten Stil zu schaffen. So sehr er die Schlüsselfiguren der Musica Popular würdigt, so wichtig ist es ihm, dass man sich von ihnen löst.  Das Problem ist, dass, wenn eine Gruppe es in Bahia schaffen will, sie die Anerkennung von Caetano oder von Gil braucht. Und irgendwann beschloss man: „Es reicht, wir sind gut, ich will nicht, dass Caetano und Gil noch etwas sagen!“ (…) Und auf eine gewisse Weise hat uns das vom Tropicalismo befreit: meine Trommel und meine Ausdrucksweise sind gut und Punkt. Ich will keine Anerkennung mehr von Niemandem, nicht mal von mir. Ich möchte lieber gefressen als beurteilt werden, weil, wenn sie mich beurteilen, wenn die Wertschätzung von großen und wundervollen Menschen kommt, dann gibt es eine Tendenz, uns mit ihnen zu vergleichen und wir sind weder Gil noch Caetano. Wir sind etwas anderes, wenn wir auch gleichzeitig ihre Nachfolger sind. (p.158)

Hier stellt Violeta fest, dass diese Art zu denken ja gleichzeitig den Ideen der Tropicalisten nahesteht. Und Carlinhos sagt: Genau, es ist heute die beste Art, Tropicalista zu sein, sich zu entfernen, zu vergessen, um erneuern zu können. Nicht wiederholen, aber es weiter würdigen. (p.159)

{ 0 comments… add one now }

Kommentieren