Bahia, Dorival und Jorge Amado

17. April 2009

Der brasilianische Soziologe Gilberto Freyre merkte vor 70 Jahren in Casa grande e senzala an, Nordbrasilien sei die einzige tropische Region der Welt, in der die europäische Kultur wirklich Fuss gefasst habe. Die Verdrängung der indigenen Kultur von der Küstenregion und die Einführung der Sklaverei sind keine Glanzpunkte. Und dennoch sind Respektieren des Anderen, Anerkennung der Schönheit von Menschen und Kultur und die Verschmelzung damit, etwas, das zum Phänomen Brasilien gehört. Freyre war in Recife zu Haus. In der Region und in der Stadt Bahia widmeten sich zwei Freunde diesen bedeutenden Aspekten des Lebens.

Dorival Caymmi, der im August 2008 im Alter von 94 Jahren starb, blieb, obwohl er lange Zeit in Rio lebte, immer derjenige aus Bahia, und für die Szene der Musica Popular stets ein großes Vorbild. Sohn eines Italieners und einer Bahianerin, sang und komponierte er über fünf Jahrzehnte und leitete Bands. Die Würdigung der Menschen von Bahia war sein Thema. Und das des knapp zwei Jahre älteren Jorge Amado. Gabriela (wie Zimt und Nelken), die schöne Frau des libanesischen Barbesitzers Nacib, die aus dem Sertão (dem Hinterland) gekommen war, wurde über die Fiktion hinaus zu einem Teil brasilianischer Kultur. Ebenso wie Dona Flor, die in der Phantasie, oder tatsächlich, man weiss es nicht genau, sehr gut mit ihren zwei Ehemännern auskommt. Tocaia grande (Der grosse Hinterhalt) beschreibt die Härten der Landnahme im 19.Jahrhundert und gleichzeitig Feinheiten menschlicher Psyche. Die Liste ist lang. Schönheit, Abgründe und Liebe an das Leben. Und wenn Jorge Amado im Vorspann von Hirten der Nacht ein Graffiti der Hafenmauer von Salvador zitiert: Man kann zwar nicht mit allen Frauen der Welt schlafen, aber versuchen muss man es! wirkt auch das nicht banal.

Beim Blick auf die Texte der Musica Popular öffnet sich eine wahre Schatzkiste. Göttliche und weltliche Schönheit. In dem über die Grenzen Brasiliens hinaus vielleicht bekanntesten Stück Garota de Ipanema, Musik von Tom Jobim, malt Vinícus de Moraes das Bild von dem Mädchen, das jeden Tag an dem Café, in dem er sitzt, vorbeigeht. Eine junge Göttin könnte nicht treffender und würdevoller beschrieben werden!

{ 0 comments… add one now }

Kommentieren